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ZEITUNG FÜR FOTOGRAFIE

ALBIN BIBLOM MECHKAR – Die letzten Tanzbären Bulgariens

 

Da ist der Bär los; da geht der Bär ab! Das zumindest suggeriert der Medien-Hype um

den Bären, der nicht enden will, seit Bruno, der wilde Braunbär im Sommer vergangenen Jahres nach wochenlanger Jagd sein trauriges Ende in Bayern fand. Aktuell versucht Jungbär Knut, von Jung und Alt begeistert verfolgt, im Berliner Zoo seine ersten unsicheren Schritte und geniest dabei die internationale Pressebeflissenheit. Ob Bruno, der Problembär oder Knut, der kleine Eisbär, ob Yan Yan, die alte Pandabärin oder Jurka, die unfügsame Bärenmutter, ob als wildes Raubtier gefürchtet oder als kuscheliges Plüschtier geliebt, ob Zirkusbär oder Tanzbär – trifft der Mensch auf den Bären, geht es hoch her, erregen sich Gemüter, entfachen sich hitzige Diskussionen, sind Emotionen im Spiel.

 

März 2003 – Reporter des MDR-Reisemagazins Windrose berichteten über die Befreiung und Überführung einiger der letzten Tanzbären Bulgariens in einen von der Brigitte Bardot-Stiftung in Zusammenarbeit mit der österreichischen Organisation Vier Pfoten errichteten Bärenpark, außerhalb der Stadt Beliza, ca. 80 Kilometer südlich von Sofia gelegen. Von kranken, verhaltensgestörten und gequälten Tieren, von einer grausamen Tradition der Sinti und Roma sowie brutalen Misshandlungen war in der Presse zu lesen. Ausgewachsen leben Tanzbären meist angekettet oder in Käfigen, tragen schwere Nasenringe und ziehen zur Unterhaltung der Menschen durch die Straßen, als tapsige Ungeheuer, sich zur Musik der Gadulka hin und her bewegend. Gelegentlich springen sie über heiße Metallplatten oder demonstrieren wilde Schaukämpfe. Süddeutsche TV zeigte einst in einer Filmdokumentation über das Leben zweier Roma-Sippen Bilder von der Beschneidung der Bären-Klauen, was zu internationalen Protesten führte und das Interesse der Tierschützerin Bardot weckte. Das Thema der Tanzbären wurde durch die losgetretene Kampagne in den Medien eher einseitig und emotional als grausame Handlung der Roma beschrieben und diese indirekt als verantwortungslos stigmatisiert. Eine wesentlich differenzierte Sich auf das Thema dagegen hat Albin Biblom mit MECHKAR erarbeitet.

 

Moskau 1993 – in einem Zirkus sitzen einige hundert Besucher im Halbdunkel des Zeltes und verfolgen gebannt das Geschehen in der Arena. Dort bewegt sich im Lichtkegel der Scheinwerfer ein Bär zur Musik, ein Bild, das den damals 18jährigen Albin Biblom nicht mehr loslassen sollte. Einige Jahre später hörte Biblom von den letzten noch existierenden Tanzbären in Bulgarien und begab sich im Sommer 2002 auf die Suche nach ihnen. In Sofia traf er auf Stefan Dimov Ivanov und seinen Bären Stefka. Aus der Begegnung wurde Freundschaft, aus einer Reise mehrere Aufenthalte. Stefan Ivanov war es auch, der Albin Biblom mit weiteren Bärenführern in ganz Bulgarien bekannt machte. Bereits zu jener Zeit hatten einige von ihnen Verträge mit der Tierschutzinitiative abgeschlossen und ihre Bären abgegeben. Stefan und andere mochten oder wollten sich noch nicht trennen. Albin Biblom begann zu ahnen, dass vor ihnen ein schwieriger Weg liegt und sein Projekt keine gewöhnliche Dokumentation über Bären werden, sondern vielmehr Aspekte der gesellschaftlichen Veränderung, menschlichen Kultur sowie des heutigen Europas in sich tragen würde.

 

Die Tradition der ursprünglich aus Nordostindien stammenden Roma, über Generationen durch den Vater an den Sohn weitergegeben, reicht viele hundert Jahre weit zurück. Wo auch die Roma hinkamen, versuchten sie sich als Kesselflicker, Musiker, Hellseher oder Bärenführer, da jegliche Ausübung eines Zunft-Gewerbes oder des Landbaus verboten war. So mancher Roma besann sich nach dem Wegfall der Arbeit in den sozialistischen Landwirtschaftsbetrieben wieder jener alten Berufung. Denn in guten Zeiten konnte ein Tanzbär das Überleben der ganzen Familie sichern, konnte das Tageseinkommen eines Bärenführers im Sommer 75 Euro betragen, genug für den Lebensunterhalt von 30 Personen. 1993 wurde dieser Brauch in Bulgarien offiziell verboten. Der Staat jedoch besaß weder das Geld für eine Entschädigung, noch bot er den Betroffenen Alternativen. Im Gegenteil – gut war es den Roma schon im Sozialismus nicht gegangen, und nach dem Zusammenbruch der Ostblockländer verschlechterte sich die Situation erst recht. Die Roma lebten und leben in bitterer Armut, sind Gegenstand des wiederaufflammenden Zigeunerhasses, der fast vollständigen Ausgrenzung. So blieben die Bären, vorerst, trotz Verbot, bis März 2006. Ein Jahr vor Eintritt des Landes in die Europäische Union wurden die letzten zwanzig Tiere in das eigens für sie mit 2 Millionen Euro errichtete Reservat gebracht. 5000 Leva (ca. 2000 Euro) wurden für jeden Bären gezahlt, nicht genug für den Aufbau einer neuen Existenz. Viele der älteren Roma folgten ihren Söhnen ins Ausland, hauptsächlich nach Italien oder Spanien, wo sie sich als Pflücker auf den Feldern oder mit Schwarzarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.

 

Bis zu jener Reise nach Sofia und der Begegnung mit Stefan Ivanov galt Bibloms Interesse an den Tanzbären hauptsächlich dem Tier als kulturelles Phänomen und war zuvor oft zentrales Thema seiner fotografischen Arbeit gewesen. Der 1975 in Stockholm geborene, einst jüngste Student am International Center of Photography in New York lernte bei

Nan Goldin und schloss seine fotografische Ausbildung an der Gerrit Rietveld Academy in Amsterdam ab. Biblom zeigt stets Interesse an Erscheinungen am Rande der Gesellschaft, lotete Grenzen aus. Als Fotograf, Filmemacher, Ausstellungskurator und Publizist in einer Person, gehört er zu den eher ungewöhnlichen jungen Künstlern Schwedens. Als Jugendlicher reiste er nach China und widmete sich dort den chinesischen Sprachen wie dem Buddhismus. Während der Zeit in New York begann er im Natural History Museum zu fotografieren und startete in den Niederlanden mit einem Projekt über die Zoologischen Gärten Europas. In Amsterdam entwickelte er sein bisher umfangreichstes Werk „The Journals of Jacob Mandeville“, ein Ausstellungskonzept, das auf den mit Fotografien reich illustrierten Tagebüchern des mysteriösen Fensterputzers und Tierliebhabers Jacob Mandeville aus den Jahren 1957-1971 basiert. Das Projekt „MECHKAR. Die letzten Tanzbären Bulgariens“ entstand schließlich in den Jahren 2002 bis 2006 und besteht aus einer Auswahl von gut 60 klassischen Schwarzweiß-Bildern und Fotocollagen, kombiniert mit abfotografierten Farbaufnahmen aus den privaten Fotoalben der Familien. Private Gegenstände, ein 29-minütiger Dokumentarfilm sowie Interviews mit und Briefe von den Bärenführern ergänzen das Projekt.

 

Anders als Joseph Koudelkas berühmte Zigeuner-Bilder, die rau, grobkörnig und hart in den Kontrasten alle Lebendigkeit, Anmut aber auch Armut dieses Volkes mit Wucht dem Betrachter entgegenhält, wirken Bibloms Aufnahmen getragen und klar, in ihrer Ästhetik sehr schön, ernst und humorvoll, eindringlich und doch sacht. Es ist eine andere Sicht auf die Dinge. Dabei ist Albin Bibloms Arbeit nicht mit wenigen Worten zu beschreiben; sie changiert zwischen der eigenen Vorstellungswelt und der Wirklichkeit, zwischen ästhetischer Konzeption und reiner Dokumentation und fordert den Betrachter so zu einer intensiven Beschäftigung heraus. Mit MECHKAR ist es Albin Biblom durchaus gelungen, Kulturgeschichte mit eindringlicher künstlerischer Form zu verbinden und den Roma dadurch eine Stimme zu verleihen – so jedenfalls sieht er seine Verantwortung als Künstler.

 

Jede Geschichte besitzt ihre zwei Seiten: Leben die Tanzbären der bulgarischen Roma heute im Bärenreservat von Beliza und versuchen währenddessen die Roma einen Neubeginn, so steht der Bär des Moskauer Zirkus weiterhin in der Manege und tanzt für uns. Und die alten Bärenführer erzählen ihre Geschichten von den einfachen Dingen des Lebens, von Träumen und Hoffnungen, von Zweifeln und Einsichten, von Erkenntnissen und von ihren Bären und der Liebe zu ihnen.

 

Franziska Schmidt 2007

© Albin Biblom